Das biblische Buch der Klagelieder beschreibt die Stimmung Israels nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Getragen sind diese fünf Lieder, die dem Propheten Jeremias zugeschrieben werden, wahrscheinlich aber von unbekannten Schriftstellern stammen, trotz aller Beklemmung von der Hoffnung auf eine erneute Zuwendung Gottes. Aber auch die Buße, die Bereitschaft zur Umkehr - nach Israels Glauben war seine Abkehr von JHWH der Grund für die Zerstörung des Heiligtums – hat in den Liedern ihren Platz.
Noch heute beten orthodoxe Juden vor der Klagemauer in Jerusalem regelmäßig diese Lieder der Buße und Hoffnung. In der katholischen Liturgie haben sie ihren festen Platz in der Liturgie der Karwoche – und zwar in den sogenannten Karmetten, ein Morgengebet, das in den frühen Morgenstunden der Karwoche noch während der Dunkelheit gebetet wird. Im Rahmen der christlichen Liturgie werden die Gebete Israels auf Jesus umgedeutet, der in Jerusalem seinen Weg ans Kreuz geht. Die Kirche trauert über die Passion Jesu.
Die Klagelieder standen auch im Mittelpunkt des Passionskonzertes „Jeremiah" das am Dritten Fastensonntag, 27. März, in der Pfarrkirche St. Augustin stattfand. Das renommierte Vokalensemble „Singer Pur“, bestehend aus den ehemaligen Regensburger Domspatzen Klaus Wenk, Markus Zapp, Manuel Warwitz, Reiner Schneider-Waterberg und Markus Schmidl sowie der Sopranistin Claudia Reinhard, sang zwei der Klagelieder aus der Komposition "De Lamentationes Jeremiae prophetae" von Giovanni Pierlugi Palestrina. Ebenso interpretierte das Ensemble Motetten von Carlo Gesualdo, wie Palestrina ein Komponist aus der Wende der Renaissance zum Barock.     
Singer Pur wurde dabei unterstützt von dem Klarinettisten David Orlowsky – Jahrgang 1981 –, und nicht zuletzt diese Zusammenarbeit gab der Aufführung ihre besondere Note. Hielt sich Singer Pur werkgetreu an den Chorsatz der Komponisten, so ergänzte Orlowskys Klarinette die vokale Stimme bei den Klageliedern um eigene Interpretationen. Die fehlende Stimme der nur fragmentarisch überlieferten Gesualdo-Motetten wurde vom israelischen Komponisten Matan Porat geschrieben – extra für David Orlowsky.
Die bemerkenswerte Aufführung zeigte musikalisch, dass es gelingen kann, Klassik und moderne Interpretation harmonisch und auch jenseits jedweder Trivialität, sondern künstlerischen Ansprüchen genügend, zusammenzubringen. Freilich ist dazu ein hohes Maß an musikalischer Sensibilität erforderlich. Dass sie das haben, haben die Interpreten hervorragend mit ihrer Aufführung bewiesen.

Raymund Fobes

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